Tagebuch einer Haarkuratorin – Part 1
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In letzter Zeit denke ich viel über Haare nach.
Nicht über Techniken oder Trends –
sondern über ihren eigentlichen Wert.
Als ich angefangen habe, war diese Welt noch leiser.
Überschaubarer. Fast intim.
Haare waren Handwerk, Material, Erfahrung –
aber vor allem etwas sehr Persönliches.
Niemand sprach damals davon, dass Haare einmal Teil einer globalen Industrie werden würden.
Einer Welt, in der Qualitäten, Herkünfte und Preise in ganz anderen Dimensionen gedacht werden.
Ich selbst habe das nicht kommen sehen.
Ich dachte, ich steige einfach in einen wachsenden Markt ein.
Heute weiss ich:
Ohne es bewusst zu planen, stand ich sehr früh an einem Wendepunkt.
Mein Zugang zu Haar war von Anfang an ein anderer.
Ich habe mit echten Zöpfen gearbeitet.
Mit Rohhaar, das ein Vorleben hatte.
Mit Haaren, die man nicht einfach verarbeitet,
sondern zuerst verstehen muss.
Bis heute arbeite ich so.
Viele Zöpfe kaufe ich privat an.
Jeder einzelne ist anders.
Struktur, Farbe, Spannung, Charakter – nichts ist je identisch.
Oft genügt ein Blick, ein kurzer Moment,
um zu spüren, ob etwas Besonderes vor mir liegt.
Doch Gewissheit entsteht erst durch die Arbeit.
Ich öffne jeden Zopf von Hand.
Strähne für Strähne.
Trenne behutsam die feinen Haare, ordne, binde neu.
Das Haar wird gewaschen, nicht nur gereinigt, sondern vorbereitet.
Es bekommt Zeit. Ruhe. Luft.
Erst dann zeigt sich seine wahre Qualität.
Die echte Farbe. Die lebendige Struktur.
Manche Zöpfe finden schnell ihren Weg weiter.
Andere bleiben – manchmal sehr lange.
Nicht aus Zufall.
Sondern aus einem Gefühl von Respekt.
Es gibt Haare, deren Seltenheit man sofort spürt.
Ungewöhnlich hell. Unbehandelt. Von einer Reinheit,
die heute kaum noch zu finden ist.
Und genau hier liegt mein innerer Zwiespalt.
Was früher greifbar und erreichbar war, wird zunehmend rar.
Wirklich aussergewöhnliche Qualitäten haben einen Wert erreicht,
den nicht jede Kundin mitgehen kann –
und vielleicht auch nicht mitgehen sollte.
Ich stehe zwischen zwei Welten.
Zwischen Handwerk und Markt. Zwischen Wunsch und Realität.
Ein Begriff hat sich dafür leise in mein Denken geschlichen:
Haarkuratorin.
Denn ich arbeite nicht nur mit Haar.
Ich wähle es aus, prüfe es, bewahre es.
Und entscheide, wann der richtige Moment gekommen ist.
In genau diesem Gedanken entsteht derzeit etwas Neues.
Eine Linie, die aus den seltensten, aussergewöhnlichsten Zöpfen besteht,
die ich über Jahre gesammelt und bewahrt habe.
Absolute Raritäten.
Nicht reproduzierbar. Nicht vergleichbar.
Mit einer Qualität – und einem Preis –
der dieser Seltenheit gerecht wird.
Bald wird daraus unsere neue Premium-Linie entstehen.